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Beim Hauten der Zwiebel

beim hauten der zwiebel

Die Weltwirtschaftskrise und ihre Auswirkungen

Österreich zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg

15. Juli 1927: Der Justizpalast brennt

Da gab ein Zwischenfall im Burgenland den Anlass zu blutigen Auseinandersetzungen. Im Jänner 1927 kam es in Schattendorf zu einem Zusammenstoß zwischen Frontkämpfern und Schutzbündlern, der zwei Tote forderte. Als Täter wurden Anhänger der Frontkämpfervereinigung festgestellt. Sie wurden vor ein Wiener Geschworenengericht gestellt, aber freigesprochen. Am 15. Juli 1927, dem Tag nach der Urteilsverkündung, zog eine erregte Menschenmenge zum Wiener Justizpalast, um gegen dieses für sie kaum verständliche Urteil zu protestieren.
Dabei drangen Demonstranten in den Justizpalast ein und legten Feuer. In der Folge kam es zu bewaffneten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, die Schussbefehl erhielt. Die Kämpfe forderten 90 Todesopfer.
Am 26. Juli erklärte Bundeskanzler Seipel im Nationalrat:
Hohes Haus! Gestern in der ersten Sitzung des Nationalrates nach den traurigen Ereignissen, die in den Tagen vom 15. bis 18. d. M. vorgefallen sind, hat uns die Trauer den Mund geschlossen. Heute müssen wir uns aber erinnern, dass unter den Verwundeten – Gott sei Dank, nicht unter den Toten – auch die österreichische Republik ist.
Wohl kaum ist je ein Land und eine Regierung unschuldiger in blutige Wirren hineingestoßen worden als diesmal wir. Nicht irgendeine Regierungsverfügung, nicht irgendein Streitfall, der das Parlament beschäftigt, hätte, hat eine blutig ausgehende Volksbewegung ausgelöst, sondern ein Schwurgerichtsurteil ist es gewesen.
Verlagen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen an den Unglückstagen gegenüber milde erscheint, aber grausam wäre gegenüber der verwundeten Republik. (Gekürzt und vereinfacht.)

Ihm antwortete Otto Bauer als Spreche der Opposition:
Hohes Haus! Als ich heute den Herrn Bundeskanzler reden hörte, da schwebte mir ununterbrochen ein grauenhaftes Bild vor Augen. Vor dem Zentralfriedhof in Wien war ein langes Podium aufgerichtet, vor dem schwarzen Tuch, mit dem die Mauer verschlagen war, standen nebeneinander 57 Särge, und um jeden Sarg herum standen Frauen, Männer und Kinder, die den Gatten, die den Vater, die das Kind verloren hatten.
Es ist uns nicht gelungen, die Demonstranten zu beruhigen, die Demonstration ist spontan ausgebrochen und heute – heute bekenne ich ganz offen vor Ihnen – und ich habe mir das in diesen Tagen und Nächten, seitdem dieses Bild der 57 Särge nebeneinander mir fortwährend vor Augen steht, immer wieder gesagt – , ich bekenne, es war ein Fehler, dass wir es nicht getan haben, es war ein schreckliches Verkennen der Situation. (Gekürzt und vereinfacht.)

Der 15. Juli 1927 stellt einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Ersten Republik dar. Die Kluft zwischen der Christlichsozialen Partei und der Sozialdemokratie wurde noch größer. Im Bürgertum wuchs die Angst vor der Straße, und die Sozialdemokraten misstrauten dem Staat.

Österreich in der Weltwirtschaftskrise

Durch die Weltwirtschaftskrise, die im Oktober 1929 in den Vereinigen Staaten ausgebrochen war, wurde Österreich besonders hart getroffen. Ihren Höhepunkt erreichte sie hier 1933: Die Produkte fiel um 39 Prozent, und die Arbeitslosigkeit stieg um fast 100 Prozent.
Die Weltwirtschaftskrise hatte für weite Kreise der Bevölkerung verheerende Folgen. Die Landwirtschaft, von der damals ein Drittel der Bevölkerung lebte, wurde durch Absatzschwierigkeiten und Preisverfall erschüttert. Die Geldnot trieb viele Bauern in Verschuldung.
Vor allem aber bekamen die Arbeit und Angestellten die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren. Hier herrschte Elend und bittere Not. Immer mehr Arbeitnehmer wurden entlassen, 1933 betrug die Zahl der Arbeitlosen 557 000 (26 Prozent Arbeitslosenrate). Nur etwa 60 Prozent erhielten eine Arbeitslosenunterstützung, die übrigen waren „ausgesteuert“, weil ihre Arbeitslosigkeit bereits den vorgesehenen Zeitraum überschritten hatte. Dazu kamen viele Jugendliche, die keine Arbeit fingen konnten.

Das Los der Arbeitlosen

Unter dem Titel „So stirbt eine Stadt! Wie die Menschen in Steyr zugrunde gehen“ berichtete eine Zeitung 1932 über die Auswirkungen der Wirtschaftkrise:
Die Stadt hat 22000 Einwohner, 11750 sind gezwungen, die öffentliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, um nicht buchstäblich Hungers sterben. Mehr als die Hälfte der Einwohner sind ausgeschaltet aus Arbeit und Verdienst – und die anderen gehen mit ihnen zugrunde. 1100 Menschen sind ohne jedes Einkommen, 400 dieser Menschen sind Familienerhalter. (Gekürzt).

Ein Arbeitsloser aus Oberösterreich berichtet über sein Leben:
Schon über zwei Jahre bezog ich die außerordentlich Notstandsaushilfe – S 1,60 pro Tag – , das reichte gerade für eine „Erdäpfelschalensuppe“ und für eine „Bundeswurst“, das ist die volkstümliche Bezeichnung für eine mit Unterstützung des Bundes extra für die Arbeitslosen erzeugte billige Wurst.
Es war nicht einmal die Aussichtlosigkeit und Not, die mich so bedrängte, als vielmehr die Lieblosigkeit der Menschen. Ich suchte ein bisschen Verständnis, aber das fanden wir jungen Arbeitslosen in diese Zeit nicht. Wir waren Nichtstuer, arbeitsscheue und verkommene Menschen.
Wenn wir jungen Burschen stempeln gingen, schauten uns die Menschen scheel an – sie verstanden es einfach nicht, dass junge Leute nicht arbeiteten. In ihren Augen war das nicht in Ordnung, und selbstverständlich glauben sie, dass wir selbst schuld seien an unserer Arbeitslosigkeit. (Gekürzt.)

Angesichts der trostlosen Wirklichkeit flüchteten viele Menschen in die Traumwelt des Film und der Operette, die in diese Zeit einen Höhepunkt erlebten. Auch der Fußball feierte damals große Erfolge.

Faschistische Bewegungen entstehen

In diese Zeit entstanden auch in Österreich faschistische Bewegungen. Sie verurteilten in Reden und Schriften den Parlamentarismus und die Demokratie. Ein „starker Mann“ sollte die wirtschaftlichen Verhältnisse besseren.
Im „Korneuburger Eid“ von 1930 bekannten sich die Heimwehren zu folgenden Grundsätzen, die als „Austrofaschismus“ bezeichnet werden:
Wir wollen Österreich von Grund erneuern!
Wir wollen nach der Macht im Staate greifen.
Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat!
Wir wollen an seine Stelle die Selbstverwaltung der Stande setzen und eine starke Staatsführung.
Wir kämpfen gegen den marxistischen Klassenkampf und liberal-kapitalistische Wirtschaftsgestaltung.
Jeden Kamerad fühle und bekenne sich als Träger der neuen deutsche Staatsgesinnung; er sei bereit Gut und Blut einzusetzen, er kenne die drei Gewalten: den Gottesglauben, seinen eigenen harten Willen, das Wort seiner Führer. (Gekürzt.)

Ein Jahr später unternahm der Heimwehrführer Pfrimer in der Steiermark sogar einen Putschversuch mit dem Ziel, die Macht im Staat zu ergreifen. Polizei, Gendarmerie und Bundesheer griffen nur zögernd ein. Der Hochverratsprozess gegen den Heimwehrführer endete mit einem Freispruch.
Gleichzeitig verstärkte die Nationalsozialistische Partei (Hitler-Anhänger in Österreich) ihre Tätigkeit. Sie strebte den Anschluss Osterreichs an Deutschland an und wurde dabei von Deutschland unterstützt. Ihre rücksichtslose Agitation und ihr brutaler Kampfstil mit Terrorakten verschärften die innenpolitische Situation.

Quelle: Zeiten Völker Kulturen 3
ÖBV Pädagogischer Verlag, Wien

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