Drei Tage lang, vom 14. bis zum 16. August, haben die Kölner mit Jubel und Trubel seinen Geburtstag gefeiert, den 750.
Dieser gotische Domriese ist ein wahres Gebirge. Ein Gebirge aus 300.000 Tonnen Gestein, je zur Hälfte auf und in der Erde verbaut. Ein Gewirr von Pfeilern, Strebebögen und Fenstern, Engel- und Heiligenfiguren, Teufeln und Dämonen. Tausende von Türmchen, jedes geformt und geschnitten und von einer steinernen Kreuzblume gekrönt. Gesimse, Galerien, Fenster, Wasserspeier, Ziergiebel, immer höher hinauf, himmelwärts, Schwindelerregend. Auf etwa hundert Meter Höhe am Nordturm ein aluminiumglänzendes Gerüst, ein Baugerüst. Köln baut immer noch und immer wieder an seinem Dom. Denn dieses Gebirge bröselt.
Es begann im Jahre 1248. Köln ist mit 40000 Einwohnern die größte Stadt Deutschlands. Und eine reiche Stadt: Es wird mit Wein und Tuch, mit Schmuck und Schwertern gehandelt. Pilger kommen von überall her, seit der Erzbischof von einem Raubzug aus Mailand ein paar Knochen mitgebracht hat. Angeblich die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Der alte Dom kann die Pilgermassen nicht fassen. Ein neuer muss her und der alte geht rechtzeitig in Flammen auf. Am Festtag Mariä Himmelfahrt des Jahres 1248 wird der Grundstein für den neuen Dom gelegt.
Gebaut wird in einem neuen Stil, der aus Frankreich kommt und den man später Gotik nennt. Der Dombaumeister Gerhard weiß, wie man dünne Wände mit riesigen Fenstern baut, wie Strebebögen und Stützpfeiler die Last der Gewölbe tragen und dem Druck des Windes standhalten. Etwa 90 Handwerker arbeiten bei Baubeginn und ungezählte Taglöhner. Alles muss ineinander greifen: Das Fällen der Bäume für die Gerüste, das Schlagen der Blöcke in den Steinbrüchen und das Graben der Fundamente – bis zu 17 Meter tief reichen sie in die Erde. Mit Seilen werden die exakt behauenen Blöcke auf die Gerüste gezogen, mit Eisenklammern verbunden und mit Blei verfugt. Die Seile laufen über Holzräder, die Taglöhner wie die Hamster in Bewegung halten.
1348 wütet die Pest – Köln baut. 1433 haben die Wiener den Turn ihres Steffels vollendet, die Kölner bauen noch immer. Als Gutenberg 1456 seine erste Bibel druckt, als 1492 Amerika entdeckt wird: Köln baut an seinem Dom. 1522 gelingt die erste Weltumsegelung – noch immer baut Köln. 1560 steht dann alles still, 282 Jahre lang. Geldmangel und geänderter Geschmack waren die Gründe. Die Gotik galt als barbarisch, man baute barock.
Was blieb, war eine gewaltige Bauruine: Türme als Stümpfe, ein provisorisch abgedecktes Mittelschiff und darüber ein Holzkran, der im Winde knarrte – 282 Jahre lang. Bis sich der Geschmack geändert hatte und man das Gotische wieder schön und romantisch fand. Bis der preußische König beschloss, dieses Wahrzeichen Deutschlands zu vollenden, als Nationaldenkmal. Bereits zehn Jahre später messen die Türme 100 Meter. 1880 stand der Gigant in voller Große da, der Südturm mit 157,31 Meter und der Nordturm sogar um 8 cm Höher. Damit der höchste Kirchturm der Welt – bis die Ulmer auf ihr Münster noch 4 Meter draufsetzten. 1880 wurde mit Glockenklang und Böllerdröhnen die Vollendung verkündet – also Ende der Welt? Irrtum, der Kölner Dom wird immer Baustelle bleiben.
Steine verwittern und Türme zerfallen. Dafür sorgen Wind und Wasser. Doch schlimmer sind die Abgase, das Schwefeldioxyd, das in Verbindung mit Wasser zur schwefligen Säure wird, die den Kalk im Sandstein zu Gips zerfallen lässt. In 40 Meter Höhe liegt die Werkstätte der Bildhauer. Ununterbrochen muss nachgeformt und gemeißelt werden, Kreuzblumen, Wasserspeier, Gesimse, Engel und Dämonen. Jedes Jahr werden 150 Tonnen Domgestein ausgewechselt. „Langsam haben wir eine Zweitausgabe des Domes“, meint ein Steinmetz. Manchmal entsteht auch ganz Neues. Statt der Engel und Teufel meißeln übermütige Bildhauer Zeitgenossen in den Sandstein: die Kicker des 1. FC Köln beispielsweise. Darunter hoch droben und versteckt ein gewisser Toni Polster.
Quelle: JÖ Das Jugendmagazin
Innsbruck, Österreich