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Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Johann Wolfgang von Goethe, aus dem wohlhabenden Großbürgertum der Freien Reichsstadt Frankfurt, bereits mit 27 Jahren hoher, 1782 geadelter Staatsbeamter im kleinen Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach, ist durch die Vielgestalt seines Werks sowie durch dessen weit über den deutschen Sprachraum hinausgehende Wirkung der bedeutendste deutsche Autor; zusammen mit Schiller bildet er jenes Dichter-Paar, das Sinnbild für die klassische deutsche Literatur um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert geworden ist.

Seine Universalität der Interessen und Bestrebungen ließen in mehr als sechzig Jahren ein außergewöhnlich umfangreiches und vielschichtiges Gesamtwerk entstehen: Goethe ist nicht nur Lyriker, Epiker, Romanautor und Dramatiker von Höchsten Rang, er ist darüber hinaus Verfasser einer Reihe von biographischen und autobiographischen Schriften, ist Literatur und Kunstkritiker, ist forschender und schreibender Naturwissenschaftler mir einer beeindruckenden Breiter der Forschungsrichtungen (Mineralogie, Geologie, Meteorologie, Botanik, Zoologie, Anatomie, Physik), er ist zudem bildender Künstler, ferner Leiter des Weimarer Hoftheaters und nicht zuletzt seit 1776 leitender Staatsbeamter (aufgestiegen schließlich in den Rang eines Ministers). Doch sein literarisches Werk, seine naturwissenschaftlichen Forschungen und seine administrativen Tätigkeiten fallen nicht beziehungslos auseinander; vielmehr besteht eine gegenseitige Durchdringung dieser Sphären. Es hat sich eingebürgert, drei Großphasen seines Schaffens zu unterscheiden: den jungen Goethe, den Goethe der Weimarer Zeit bis zu Schillers Tod und den späten Goethe.

Der junge Goethe ist vor allem der Goethe des Sturm und Drang; der Straßburger Aufenthalt bring jenen neuen Ton, der die »Geniezeit« charakterisiert. In der Lyrik ist er der Durchbruch zur Erlebnislyrik, der bei Goethe durch die Liebesbeziehung zur Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion hervorgerufen wird (»Wilkommen und Abschied«. »Mailied«). Unter dem Einfluss Herders entdecht der junge Student die Vorbilder Shakespeare, Homer, Pindar sowie die Gesänge des »Ossian«; nach Abschluss des Studiums entstehen dann in rascher Folge das patriotische Schauspiel »Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand« (1773), das Schauspiel »Clavigo« (1774), der empfindsame Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers« (1774; zweite Fassung 1786), der Goethe mit einem Schlag berühmt machte, die großen Hymnen wie »Schwager Kronos«, »Prometheus«, »Wanderers Sturmlied«, der »Urfaust« (1775) sowie »Stella« (1776), ein Schauspiel, dessen für die Zeitgenossen anstößigen Schluß eines Lebens zu dritt Goethe später änderte.

Das erste Weimarer Jahrzehnt, also die Zeit bis zur Italienischen Reise (1786-1788), ist vor allem mit administrativen Aufgaben ausgefüllt; eine Reihe von Werken wird begonnen, kaum eines abgeschlossen. Erst das Italienerlebnis und die Freundschaft mit Schiller (ab 1794) haben Goethe neue produktive Kräfte zugeführt. Die klassische Versfassung der »Iphigenie auf Tauris« wird fertiggestellt (1787); »Egmont« erscheint (1788), ferner das »Faust«-Fragment und die Tragödie um den Renaissance-Poeten »Torquato Tasso« (beide 1790). Die naturwissenschaftlichen Forschungen dieser Zeit gipfeln in der Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens (1784), der die Verbindung von Mensch und Tierreich belegt, sowie im »Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären« (1790), einer Darstellung, wie sich im Pflanzenreich die höheren Arten durch Verwandlung und Umwandlung aus den niedern entwickeln.

Im klassischen Jahrzehnt, der Jahre seiner Freundschaft mit Schiller bis zu dessen Tod 1805, beendet Goethe auf Drängen des Freunds den Roman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1795/96; erste Fassung »Wilhelm Meisters theatralische Sendung« zwischen 1777 und 1785 entstanden). Es folgen die »Xenien« (zusammen mit Schiller), Verspaare nach antikem Vorbild, in denen das literarische Leben der Zeit verspottet wird, ferner die großen Balladen des Jahres 1797 (»Die Braut von Korinth«. »Der Zauberlehrling«. »Der Gott und die Bajadere«) und schließlich »Hermann und Dorothea«, ein Versepos, das einen zeitgenössischen Stoff in das antike Gewand des Hexameter-Versmaßes kleidet. Abschluss dieser Epoche ist die Fertigstellung des ersten Teils der »Faust«-Tragödie im Jahr 1806 (veröffentlicht 1808).

Goethes Spät- und Alterswerk führt im wesentlichen fort, resümiert und vollendet. So erscheint 1810 endlich die »Farbenlehre«, an der er seit 1790 gearbeitet hatte und die zum großen Teil eine (erfolglose) Polemik gegen Newtons Farbentheorie ist. Um persönliche Liebeserfahrungen kristallisieren sich lyrische Meisterwerke: der »West-östliche Divan« (1819) um die Beziehungen zu Marianne von Willemer, die »Marienbader Elegie« (1823) um die zu der jungen Ulrike von Levetzov. In der Autobiographik arbeitet Goethe die Erinnerungen an die Vor-Weimarer Zeit (»Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit«) und an die »Italienische Reise« (1816/17) aus. Schließlich vollendet er 1829 »Wilhelm Meisters Wanderjahre« sowie den zweiten Teil des »Faust«, der erst nach seinem Tod erscheint (1833). Einzig der tragisch Roman »Die Wahlverwandtschaften« (1809) nimmt in dieser letzten Phase von Goethe Schaffen einen neuen Stoff auf.

Goethe hat mit seiner Dichtung die deutsche Literatur gleichberechtigt neben den anderen in die »Weltliteratur« eingeführt - ein Begriff, den er 1817 selbst prägte. Trotz seines außerordentlich vielfältigen und umfang reichen Werks war Goethe zu Lebzeiten nie wirklich populär; nur der frühe Erfolg des »Werther« macht hier eine Ausnahme. Erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderst tritt ein Wandel ein: Goethe wird im allgemeinen Bewusstsein zum Dichter des »Faust«, des Werks, mit dem sich noch heute zuallererst sein Name verbindet.

Quelle: Faust - zweiter Teil

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