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Ein Zug fährt ab

Zwei am Bahnhof, Mutter und ich.

Wir zwei in der Warteschlange, wo es eng ist und nicht vorangeht. Mutter wird nervös von warten. Verschenkte Zeit! Sie zerrt sich den Schal vom Hals. Draußen ist es so kalt wie noch nie. Hier drin herrscht regelrecht Hitze. Tausend Leute verreisen kurz nach Weihnachten. Mehrere Menschenschlangen wollen Fahrkarten, Reservierungen, Informationen oder: Karten zurückgeben – wie wir. Unsere Schlange beweg sich nicht.

»Hier«, sagt Mutter, »halt mal, ich lauf eben in den Buchladen rüber!« Sie drückt mir Schal und Einkaufstasche in die Hand. Ja, die Einkaufstasche statt eines Koffers. Und mein Vater fehlt genauso wie der Koffer! Seit vorgestern ist er überhaupt nicht aufgetaucht. »Er will noch Sachen wegarbeiten, bevor das neue Jahr anfängt«, sagte Mutter zuerst. Und nun? Aus unsere Reise wird nicht. Weihnachten hat es dicke Luft gegeben wie jedes Jahr, aber diesmal war die Luft oberdick; zum Schluss wurde nicht mehr geredet. Und das ist Weihnachten? »So geht nichts mehr, vielleicht können wir in der Osterwoche fahren, irgendwohin? Es muss ja nicht. Venedig sein.« Mutter drehe sich mit dem Taschentuch zur Seite. »Vielleicht wäre es noch möglich gewesen, wenn er diesen Termin nicht gehabt hätte. Dein Vater hat sehr viel zu tun, weißt du?«

Hinter der Computertischen, an denen lauter Supermänner mit Krawatten und frischen Haarschnitten sitzen, läuft ein stark vergrößertes Foto des Bahnhofsvorplatzes entlang, fast lebensgroß. Ich kneife die Augen zusammen. In dem dunklen Menschengewimmel könnte ich sein: Ja, der oder der, ah, da ist einer mit Rucksack, das könnte ich sein.

Ich gehe jetzt durch die Glastür, nehme die Treppe mit wenigen Schritten, bin oben, suche den Bahnsteig. Da kommt der Zug: einsteigen und weg... Sonne und Wasser, braten und schwimmen, nichts denken, alles laufen lassen, wie es will, vielleicht eine Überraschung erleben, irgendeine, was märchenhaft Schönes...

Steht die Schlange immer noch am alten Fleck? Das Hindernis bilden zwei blonde Mädchen mit verschieden Haaren, unglaublich, solche Haare, aber was hat das mit den Fahrkarten zu tun? Die beiden Mädchen haben sich über den Schalter gehängt, als wollten sie dem Beamten an der Kragen; ihre Mäntel haben sie achtlos über ihre Taschen geworfen. Sie lachen hemmungslos. Inzwischen hat die eine den Arm um die andere gelegt. Sind wir hier im Park? Oder was? Das gibt es nicht! In mir quillt ein bekanntes Neidgefühl auf. Was andere einfach machen, ganz einfach.

Ich klemme die Einkaufstasche so zwischen meine Unterschenkel, dass sie den schmutzigen Boden nicht berührt. Den Schal schlage ich über die Schulter. Endlich sind die Hände in der Hosentasche. Da sind sie am liebsten. Was kümmern mich die Mädchen?

Wieder das Bild des Bahnhofs. Den Mann mit dem Rucksack kann ich nicht entdecken. Wo ist er denn? Abgefahren, was? Ich stoße ein Lachen aus. Mein Vordermann dreht sich um. »Häm«, räuspere ich mich. Was bin ich bloß für ein Würstchen! Ich bleibe zurück, während andere fahren. Die Eltern denken sich was aus, man freut sich. Dann fegt ein Streit durchs Haus und was bleib? Nichts. Man wird nicht gefragt! Warte, Mutter!

Sie nähert sich, kommt, nimmt mir Tasche und Schal ab, die Mädchen sind fertig, ziehen sich kichernd ihre Mäntel an, die Schlange rückt schneller vor, wir geben die Karten zurück und bekommen das volle Geld ausgezahlt. Nun soll eingekauft werden, so richtig reichlich. Was wünschst du dir? Sie zieht mich zum Ausgang. Ich stemme mich immer mehr gegen ihren Arm wie ein störrischer Esel.

»Nein«, sage ich, »nein, ich will nicht!« Und stehe da mit schräg nach unten gerichtetem Blick. Ich bin von meiner eigenen Reaktion überrascht. Etwas Neues bahnt sich an. »ich will wissen, was los ist, warum redet ihr nicht richtig mit mir? Bin ich denn der Dummjahn, den man komisch behandelt? Weißt du, wie ich mir vorkomme?«, frage ich und versuche nachzudenken. In der Aufregung fällt mir nichts anderes ein als: »Wie ein Esel komme ich mir vor!« Ich höre »Pscht!«, aber es interessiert mich nicht, ich könnte den ganzen Bahnhof zusammenschreien. »Sag, was gespielt wird, auf der Stelle, ich rühr mich nicht vom Fleck, und wenn ich anwachse! Basta! Ich will den wahren Grund wissen, warum wir nicht fahren!«

Sie sieht mich verblüfft an, meiner Mutter. Nach einer Weile fummelt sie ihre Zigaretten aus der Einkaufstasche und zündet sich im Stehen eine an. Ich hasse so etwas. Das hat keine Art. Pfeile schießen aus meinem Innern heraus. Es fühlt sich hart an. Unwillkürlich fällt mir das Bruchstück eines Satzes ein: »Er hatte ein hartes Leben...«

Die Leute fluten an uns vorbei. »Sag was!«, dränge ich. Sie stößt den Rauch aus, als kochte sie innerlich, aber meiner Mutter ist ein ruhiges Haus, darum ist ja aber alles so verteufelt schwierig. »Also los in Bahnhofscafé!«, sagt sie und zieht mich nun in die andere Richtung. Ich beiße die Zähne zusammen. Mir ist zum Heulen. Nach langer Zeit bin ich wieder richtig wild geworden, aber weinen werde ich nicht.

Im Café sucht sie schnell einen Tisch mit zwei Plätzen, bestellt Kuchen, einen Kaffee, einen Kakao und setzt sich. Der Kakao soll für das Kind sein, das ich nicht mehr bin. »Ich nehme auch einen Kaffee, dafür keinen Kuchen«, sage ich selbstbewusst. Ich muss die Kurve kriegen, da gibt es nichts.

Dann sehe ich die beiden Mädchen durch die Tür kommen. Sie lachen immer noch. Die Mäntel hängen lose über den Schultern. Mir schwimmen die Felle weg, merke ich, das Ding, in dem ich war, entgleitet mir. Es ist alles total anstrengend. Mutter hat es geschafft, uns einzuräuchern.

Niemals werde ich eine Zigarette anfassen, das schwöre ich. Als der Kaffee kommt, sagt sie: »So, ja, langsam, also, es sieht böse aus, du hast es gemerkt. Wo dein Vater im Augenblick ist, weiß ich nicht genau, aber ich hoffe, dass er wiederkommt.«

Wollen sie sich scheiden lassen? O Gott, das wäre das Letzte! »Weiter!«, sage ich streng.

»Ja, es geht schon länger so. Wir wollten es nicht wahrhaben. Da hast du nun dein Geheimnis!«, sagt sie mit einer Stimme, die wie durch einen engen Kanal kommt. Ich fühle mich beschämt und bloßgestellt. Werden wir nicht beobachtet in dieser furchtbaren Lage, in der wir sind? Die Mädchen unterhalten sich. Sie scheinen noch zur Schule zu gehen, haben Ferien und freuen sich, wegzukommen mit dem nächsten Zug. Ja, die!

Mutter zündet sich noch wieder eine Zigarette an. Super, dieser Blitzableiter. Ich lehne mich zurück. Was nützt es eigentlich, sich so tierisch aufzuregen? »Ihr wolltet mir also Venedig zeigen, obwohl mich die Stadt nicht direkt interessiert. Ich weiß, ihr habt euch da kennen gelernt, was soll´s, irgendwo muss man sich schließlich kennen lernen...« Ich bin cool jetzt.

Die Mädchen sind still. Nanu! »Du bist ein schöner junger Mann«, sagt zu mir, »merkst du was?« Sie will meinen Blick zu den Mädchen rüberlenken. Hm »Die meinen dich, tja, so kann es anfangen!« Sie stoßt eine enorme Wolke aus. »Du wirst erwachsen, mein Großer, wir sollten den Tatsachen ins Auge sehn, genau was tun, was dein Vater und ich vor fünfzehn Jahren nicht getan haben, weißt du?« Mit einem Plötzlichen Ruck beugt sie sich nach vorn und drückt die angerauchte Zigarette aus.

»Wir haben gedacht, wenn wir zu dritt in Venedig ein paar Tage Urlaub machen – nach all den Jahren wieder einmal –, dann gibt es vielleicht einen guten Neuanfang für uns. Das wird nun nichts. Ich habe die beiden letzten Nächte kein Auge zugetan. Ich muss den Dingen ins Auge sehn, tja, da kann man auch kein Auge zutun, klar.« Sie lacht mit einem Mundwinkel. »Ich will dir sagen, wie es damals in Venedig war. Weil sich gerade ein Mann, den ich unheimlich mochte, eben vor Weihnachten von mir getrennt hatte, wollte ich auf keinen Fall das Fest zu Hause verbringen bei den Großeltern, weißt du? Ich ging ins Reisebüro und buchte ein paar Tage Venedig. Ich hab mir zwei Bücher von Thomas Mann gekauft und bin losgefahren. Thomas Mann sollte mein Begleiter sei, „Der Tod in Venedig“ und so weiter. Als die Alpen hinter uns lagen, war der Himmel klar und die Leute fingen an ihre Pullover auszuziehen. So ein Gefühl allein würde ich dir gern mal vermitteln!«

Hm. Ich seufze und gucke aus dem Fenster, wo es grau genug aussieht. Die Härte in mir verzieht sich langsam.

»Wenn du in Venedig ankommst, glaubst du an Märchen. Aus dem Wasser taucht eine Traumstadt auf. Du denkst, du bist in der Wüste. Es kann sich nur um eine Halluzination handeln! Du siehst allerhand Dreck und es stinkt auch ganz fein, aber du kannst dir einbilden, du bist im Wald, da riecht es auch seltsam. Gleich am nächsten Tag habe ich deinen Vater kennen gelernt. Er saß auf einem Klapphocker an der Rialtobrücke und zeichnete. Zuerst wusste ich nicht, dass er Deutscher war. Ich sprach ihn auf Englisch an. Er lachte, weil er gleich begriffen hatte, dass ich dies Englisch mit seiner Zunge sprach. So drückte er es aus. Er wollte genauso wie ich vor Weihnachten ausrücken. Bei ihm war auch eine Liebe geplatzt. Wir sind von da an durch Venedig gegangen wie zwei, die an Wunder glauben. Wir haben sogar gebadet – nachts.«

»Und da bin ich dann entstanden?«, frage ich frech.

»Ja«, sagt sie und nimmt wieder die Schachtel mit den Zigaretten zur Hand, dreht sie aber nur hin und her, als wollte sie die Aufschrift lesen.

Venedig geht allmählich unter, jedes Jahr neun Zentimeter, haben wir in der Schule gelernt. Schöne Vorbedeutung!

In der langen Pause, die sich nun am Tisch breit macht, wird mir klar, dass tatsächlich ein Zug abgefahren ist. Alles ist verändert. Ich existiere voll, während meine Erzeuger dabei sind, ihre Begründung für mein Existieren aufzugeben. Da bin ich irgendwie überflüssig, scheint mir!

Übermäßig nüchtern, bodenmäßig nüchtern wie nach meinem ersten Besäufnis, beobachte ich jeden Gegenstand in diesem Café: ein richtiges Bahnhofscafé, schmuddelig, verraucht, unklar, miefig, aber nicht ganz ungemütlich, das gebe ich zu. Die Mädchen sind schon weg. Meine Fans. Mir gegenüber Mutter, die immer noch mit der Schachtel spielt. Eine Ewigkeit ist gerade vorüber. Ich habe Hunger.

In einem Einverständnis hält sie die Hand mit der Schachtel hoch. Die Kellnerin kommt: »Zwei Cappuccino und zwei Apfelkuchen mit Sahne, bitte! – Was meinst du, schaffen wir es, den Dingen ins Auge zu sehen, du und ich?« Sie lässt die Schachtel fallen und sieht mich an.

Ja, denke ich, wenn alles so ist wie heute. »Ja, ja«, sage ich, »geht schon in Ordnung!« Da lacht sie vorsichtig mit beiden Mundwinkeln.

Der Bahnhof kann uns endlich loslassen.

Quelle: Acapulco und anderswo – Reisen zu fernen Zielen.
1997 Rowohlt Verlag, Reinbek

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